Textatelier
BLOG vom: 20.01.2011

Erdmannlistein: Die Sage, die einer Überprüfung standhielt

Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Die Sage vom Erdmannlistein (Ärdmannlistei) mitten im Wald zwischen Wohlen AG und Bremgarten AG stimmt, wie ich selber nachgeprüft habe. Die Erdmannli, die von bösen Menschen gequält wurden, sind tatsächlich nicht mehr dort, wie ich mit eigenen Augen gesehen habe. Sie lebten in einer Höhle unter dem Steinmonument, bis freche Buben Steine in die Höhle warfen, worauf ein Jammern und Stöhnen zu hören war. Die tanzenden und springenden Heinzelmännchen verschwanden für immer. Kein einziges dieser Mannli, die besonders Schweinefleisch, Kraut, Kohl und gelbe Rüben geliebt haben sollen, war bei meiner Exkursion vom 16.01.2011 anzutreffen. Das Wissen über die Männchen und ihre Ernährungsgewohnheiten habe ich dem Buch „Freiämter Sagen“ von Hans Koch (1981 erschienen in der Walter Sprüngli AG, Villmergen) entnommen.
 
Noch unverändert vorhanden ist dafür die grosse Steingruppe auf einer kleinen Anhöhe 455 m ü. M.: der Erdmannlistein. Der obere, schwere Granitblock ruht wie der Hut eines Riesenpilzes auf 2 aufrecht stehenden Beinen aus grossen Steinblöcken – er berührt diese an 3 Auflagepunkten. Dadurch wirkt das Gebilde aus dem gneishaltigen Granit luftig. Der Schein trügt: Wahrscheinlich ist die Gruppe unter ihrem Gewicht von rund 60 Tonnen im moosigen Waldboden etwas eingesunken. Hatten es Menschen in grauer Vorzeit geschafft, dieses kühne Bauwerk auf dem Wagenrain-Hügel, eine Moränenkuppe, so anzufertigen?
 
Die Grundlagen für die Erdmannlistein-Kombination stammen vom Reussgletscher höchstpersönlich, der die Kolosse aus dem Aarmassiv ins Mittelland verschoben hat. Damit ist vorerst einmal die Transportfrage plausibel erklärt, aber noch unbeantwortet bleibt die Sache mit der Aufschichtung. Diesbezüglich besteht laut einer an Ort und Stelle angebrachten Informationstafel die Vermutung, dass die Steinaufhäufung in prähistorischer Zeit als Mittelpunkt eines Kalendersystems gedient habe – also von Menschen angeordnet worden sei. Diese graue Theorie wird von einer Serie von weiteren menhirartigen Steinen gestützt, die sich im Umkreis von 1,2 Kilometer auf dem Wagenrain befinden. Werden von diesen Verbindungslinien zum Erdmannlistein gezogen, ergeben sich verblüffende astronomische Erkenntnisse. Vielleicht beruhte ihre Anordnung auf dem Bemühen, kosmische Vorgänge zu verstehen.
 
Stefan Schaufelbühl nimmt sich im Schosse der Interessengemeinschaft Erdmannlistein IGE solcher Geheimnisse seit 1985 an. Er hat ein digitales Geländemodell erstellt und so die Topografie und die Steine visualisiert. Daraus erhärtete sich die Vermutung, es könnte sich dabei wirklich um einen Bestandteil eines astronomischen Kalendersystems aus der Bronzezeit handeln. Laut Schaufelbühl stehen Pilatus, Galgenhau, Erdmannlistein und Bettlerstein in einer Linie, die bis zur Kirche Künten AG führt. Ein weiterer astronomischer Zyklus führt von der Kirche Zufikon AG via Spittelturm zum Galgenhau zwischen Bremgarten und Fischbach-Göslikon AG. Sakralbauten wurden oft auf geschichtlichen Kultstätten errichtet.
 
Gleich neben dem Erdmannlistein steht eine alte Buche, die am Stamm und bis hinunter in den Wurzelbereich rundum von geschwulstähnlichen Auswachsungen auffällig schön strukturiert ist – bei den übrigen umliegenden Bäumen ist dies nicht der Fall. Die Anschwellungen, die auf Wunden und/oder einen inneren Druck zurückzuführen sein mögen, möchten eventuell etwas von dem erzählen, was in der Vergangenheit hier alles geschah. Ich bedauerte, diese Sprache nicht zu verstehen, obschon ich einige Fruchtschalen besitze, die von Magnus Würth in Gränichen AG aus solchen Wucherungen kunstvoll gedrechselt wurden.
 
In schätzungsweise 250 Meter Distanz zum Erdmannlistein, der eben von der Spätnachmittagssonne angeleuchtet wurde, schien es im Wald zu dampfen, und Nebel breitete sich lokal mystisch zwischen den Bäumen und Baumstrünken aus. Ich begab mich dorthin, zum Torfmoos, und war von diesem sumpfigen Waldweiher entzückt. Eine glasscheibendünne Eisschicht bedeckte den grössten Teil des Wassers (die Lufttemperatur bewegte sich um den Gefrierpunkt herum), aus dem abgestorbene Bäume und die Büschel von Teichbinsen herausschauten, eine faszinierende Urlandschaft. Dort führt seit 2008 auch der Meditationsweg der katholischen Kirchgemeinde Wohlen vorbei, der unter dem Motto steht: „Gehe nicht nur die glatten Strassen. Gehe Wege, die niemand ging, damit du Spuren hinterlässt. Und nicht nur Staub!“
 
Zum Meditieren angeregt, fragte ich mich, ob es denn überhaupt Wege gebe, die noch niemand ging oder ob nicht ein Weg die Folge einer häufig begangenen Strecke sei. Natürlich war das Zitat aus unbekannter Quelle kein Aufruf, um alles niederzutrampeln, sondern das strapazierte Wort Weg wurde als philosophische Metapher gewählt.
 
Zum Erdmannlistein führen viele Wege. Die BDWM-Bahn (Bremgarten-Dietikon-Wohlen-Meisterschwanden) betreibt in der Nähe des berühmten Steins eine spezielle Haltestelle, die von erd- und naturverbundenen Männchen und Weibchen gern benützt wird. Ich selber bin von Waltenschwil aus hinauf zum erstaunlich grossen Tierpark mit den zutraulichen Damhirschen spaziert; in der Nähe, am Dorfrand, sind viele Parkplätze vorhanden. Beim Tierpark nordöstlich des Dorfs wird man bereits in die geomorphologisch bemerkenswerte Landschaft eingestimmt; denn im Gehege liegt ein 15 Kubikmeter grosser Granit-Findling.
 
Beim Bettlerstein
Selbstverständlich habe ich auch den erwähnten Bettlerstein östlich des Cholmoos, einer von 2 abflusslosen, von einem Sumpfgebiet umgegebenen Weiher, besucht. Zu diesem Granit-Erratiker führt ein Abzweiger des Freiämterwegs, er befindet sich unweit vom Erdmannlistein entfernt. Dieser Findling ist weniger spektakulär: eine mächtige, schräg aus dem Boden herauswachsende Granitplatte. Bei diesem Steinblock sollen einst – so will es die Sage – braune Zigeuner gewohnt haben; viel fahrendes Volk habe sich hier eingefunden, erzählt man sich. Dieses soll sich den Lebensunterhalt in der Umgebung zusammengebettelt haben, so dass der Stein den Namen Bettlerstein erhielt. So ist wenigstens auch dieses Rätsel gelöst.
 
Für den Rückweg folgte ich den Wegweisern „Zum Sagenweg“, von dem ich in einem weiteren Blog erzählen will. Vorerst kam ich noch am bereits erwähnten grossen Cholmoos-Weiher vorbei, ein verträumtes Gewässer im leicht versumpften Wald, ein winterlich beruhigtes Schaustück. Es könnte ja sein, dass die Erdmännchen ihren Kohl von hier bezogen haben ... doch wird der Wortbestandteil Chol eher von Kohle denn von Kohl abgeleitet. Aber Kohle dürfte es hier kaum gegeben haben, Torf schon eher.
 
Ich werde beim nächsten Rundgang auf dem Meditationsweg nochmals darüber nachdenken – im Wissen darüber, dass jener, der ein Geheimnis lüftet, auch ein Geheimnis zerstört.
 
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